Stockwerkjazz 22nd Anniversary

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editorial 1/2018

Aufruf!

Zwischen den Jahren befiel uns irgendwann im Morgenschweiß eine teuflische Idee: Wir feiern!
Denn ohne Feiern kommt man heute ja zu nichts. Jedes auch noch so kleine Jubiläum, jeder noch so geringe Jahrestag muss gefeiert werden. Unter gewissen Szenelokalen und Lifestyle-Magazinen ist es sogar schon Mode geworden, ein einjähriges (1) Jubiläum zu feiern. Vielleicht, weil man nicht damit gerechnet hat, so alt zu werden?
Dagegen scheint es geradewegs altmodisch, dass es etwa der brave, „staatlich anerkannte Erholungsort“ Hollfeld vor kurzem wagte, sein tausendjähriges (1000) Jubiläum feierlich zu begehen. In der Schweiz mögen die Uhren anders gehen.

So haben wir nächtens eben lange überlegt, ob wir da mitmachen. Ob wir unser Licht unter dem Scheffel (© Jesus) hervorholen und es auf einen Kandelaber verfügen sollen, damit es den Menschen leuchte. Ob wir ganz eigennützig feiern sollen. Ob wir also unser 25-jähriges Betriebsjubiläum im nächsten Jahr großspurig unter Aufsicht der Jazzgeschichtsschreibung inszenieren sollen. Oder es unseren Nachfolgern überlassen sollen, erst zum Hunderter auf den Putz zu hauen.
Weil wir jetzt aber schon einmal diese teuflische Idee hatten, müssen wir mit der Vorbereitung auch rechtzeitig beginnen, um dann nicht wie die begossenen Pudel dazustehen.
Es geht um ein Buch, das wir machen wollen. Kein Buch zum richtigen Lesen, sondern eher zum Umeinanderblattln, also mehr zum Schauen. Und daher fangen wir schon einmal damit an, alles zu sammeln, was mit unserer Geschichte zu tun hat.
Deshalb haben wir uns unter Einsatz unserer eisernen Prinzipien zu einem Aufruf durchgerungen. Einen Aufruf an Sie, uns allerhand zu schicken, das Sie mit dem Stockwerk verbinden. Vor allem natürlich Fotos, da wir ja mit Freude beobachten konnten, wie sich in all den vielen Jahren die Jazzfotografen im Hause vermehrt haben. Ob mit Handy oder Profikamera geschossen, schicken Sie uns Ihre Bilder ohne Rahmen an die bekannte Adresse (stockwerkjazz@chello.at) oder per organischem Briefträger ins Haus. Aber auch andere Ihrer Souvenirs vom Stockwerk könnten wir zur Illustration gut gebrauchen, von Autogrammen über Noten, heimlichen Transkriptionen, persönlichen Sympathiebekundungen, Strafzetteln der Jazzpolizei, zerbrochenen Schlagzeugsticks und abgelutschten Saxophonblättchen bis zu Altkleidern oder Speiseresten werden wir alles gewissenhaft auf seinen Dokumentationswert prüfen. Ja, und unsere alte Kassa suchen wir auch noch.
Für jedes im nämlichen Buche veröffentlichte Foto oder Utensil gibt’s eine Freikarte für ein Konzert Ihrer Wahl.
Da hätten Sie dann aber wirklich den Kummer mit der Nummer (früher: Qual der Wahl), denn natürlich werden wir uns bis zum Herbst 2019 ein Jubiläumsprogramm ausgedacht haben, das sich gewaschen hat. Sensationen unter der Zirkuskuppel, sozusagen. Worüber überschwänglich zu informieren, freilich noch rechtzeitig geboten sein wird.

Otmar Klammer

 


 

editorial 2/2017

Tapfere Gitarristen

In uns gährt die Ahnung, dass wir keine Garantie für ein langes Gitarristenleben abgeben können. Ehre und Hochachtung also jenen Saitenvirtuosen, die es dennoch wagen, im Stockwerk vorstellig zu werden.
Binnen weniger Monate hat uns die Jazzgeschichtsschreibung gleich zwei persönlich sehr vertraute Weltmeister der Disziplin für immer gestrichen. Und das plötzlich und ganz gemein, fast böswillig.
John Abercrombie, einer der einflussreichsten Gitarristen der letzten vierzig Jahre, war erst vor einem guten Jahr zusammen mit seinem Kollegen Rudy Linka im Haus am Jakominiplatz. Und Larry Coryell, einer der wesentlichen Schrittmacher des Rockjazz und Meister an der Ovation-Gitarre, hätte mit seinem Trio sensationellerweise gar unsere diesjährige Herbstsaison eröffnen sollen. Vollmundig und mit breiter Brust haben wir das noch bei vielen unserer Frühjahrskonzerte dem Publikum versprochen.
Es wäre an dieser Stelle der Welten Fügung nun ohne Belang, ein wehmütig wortgewaltiges Bye Bye hinzuweinen, die unbarmherzige Jazzgeschichtsschreibung hat für solche Fälle keinen Nachsendeauftrag vorgesehen.
Stattdessen haben wir uns selbst ein paar Buchstaben der Jazzgeschichtsschreibung angeeignet und zu Fleiß einen Herbst voller Gitarristen zusammengestellt. Karl Ratzer, Christy Doran, Noël Akchoté, Kurt Rosenwinkel, Andrea Massaria und Ferenc Snetberger heißen die Tapferen. Und zum Drüberstreuen gibt’s bei den Shortcuts der Jazzwerkstatt Graz noch Valentin Hebel, Philipp Ossanna und Piotr Lipowicz sowie Emiliano Sampaio als Bonus im Portfolio.
Mit besonderem Frohmut erfüllt es uns aber, erstmals den glühenden Solisten und prägenden Stilisten Kurt Rosenwinkel begrüßen zu dürfen. Nice to meet you, Kört!
Und nach langen, langen Jahren konnten wir auch den berühmten, nylonbesaiteten Jazzgitarristen Ferenc Snetberger, ein Rom als Träger des ungarischen Verdienstordens (!), überreden, wieder bei uns vorbeizuschauen. „Aber zu Weihnachten muss er zu Hause sein“, ließ uns seine Managerin und Frau wissen. Ja eh!

Otmar Klammer

 


editorial 2/2017

Nekrolog

was im Moment in der Kunst so zusammengestorben wird, ist nicht mehr lustig. Fast schon jede Woche könnten wir einen Nachruf schreiben, wenn wir könnten. Seit sich vor nicht einmal einem Jahr der stets gut gelaunte Posaunist Johannes Bauer, der unserem Haus besonders eng verbunden war, sich nach krebsbedingt erbärmlichem Daseinsfinale in Asche auflöste, will die Sterberei nicht aufhören.

Unter den vielen Kreativgeistern sind viele gute Bekannte, Freunde gar und solche, die es noch hätten werden können. Gerade erst gestern sind uns wieder Ekkehard Jost, mit dem wir ein baldiges Konzert geplant hatten, und Meister Arthur Blythe einfach weggestorben.
Wir denken auch an Larry Coryell, mit dem wir unser Herbstprogramm eröffnen wollten, an Ernst M. Binder, dessen Weihnachtskonzert im Stockwerk zur Legende wurde, an Werner Fenz und seine Neugier, an den Kollegen Klaus Schulz, an den smarten Paul Smoker, an den lieben Marco Eneidi, an Dominic Duval, Häns'che Weiss, Jurij Kusnezow, Jaki Liebezeit, Christine Jones, den qualmenden Misha Mengelberg und an Karl Hodina, der noch immer Post von uns erwartet.
Dann an Victor Bailey und an Alphonse Mouzon, der uns einst unvergessliche Rede und Antwort stand. Und mit Bobby Hutcherson wollte wir auch noch etwas machen.
Fünf Etagen über dem Stockwerkjazz-Business wollen wir aber auch Al Jarreau noch ein paar Blumen streuen, den wir als den liebenswertesten Gesprächspartner in der ganzen mondänen Jazzwelt kennengelernt haben.
Und nicht zu vergessen: undundund! So viele auf hintereinander. Als wären sie um die Wette gestorben.
Andrerseits, so scheint es, trifft man manche lebende Bekannte überhaupt nur mehr in der Feuerhalle. Immerhin.

Warum diese morbiden Gedanken an einem Frühlingstag wie gestern? Nur dass wir wissen, dass wir noch nicht dazugehören?
Danke, uns geht es gut.

Otmar Klammer

Coda: Ich habe den Blues. Aber wer den Blues hat, hat auch den Trouble. Aber das ist nicht so schlimm, weil - ich hab ja den Blues. (Bert Stephan)

 


editorial 1/2017

Liebe Leute,

wir haben Sie gewarnt. Ein ganzes Vorwort haben wir zuletzt an dieser Stelle dafür geopfert. Jetzt oder nie, haben wir dann gesagt. Und da wir auch nach Monaten akribischer Suche nicht ein einziges Geschäft gefunden haben, in dem die Preise seit zwanzig (!) Jahren unverändert geblieben sind, genieren wir uns auch nicht, unsere Preispolitik einer soliden Überarbeitung zugeführt zu haben.
Schon unser hoch verehrter Albert Camus ließ uns dereinst einmal ausrichten, dass ab einem bestimmten Alter jeder Mensch selbst für sein Gesicht verantwortlich ist.
Wir haben auch ein Gesicht zu verlieren, immerhin haben wir Ihnen die Preiserhöhung letztens ja hoch und heilig versprochen, und überhaupt sind wir uns das schuldig. Denn wenn der Preis für ein Bier den eines Konzertes schon bald eingeholt hat, sollten ja doch die Kuhglocken läuten.
Wir müssen also auch unser Gesicht wahren. Nicht zuletzt sind auch die Gagen der Musiker heimlich, aber erklecklich gestiegen. Und überhaupt, das ganze Gefrett mit den Förderungen hüben und den steigenden Kosten drüben.
Nun kommen halt da und dort ein paar Euro zur Jazz-Kommunion dazu. Sie werden es kaum merken.
Dafür bekommen Sie bei uns auch Musiker von Rang und Namen zu sehen. Live und in Farbe!
Es kommt ja nicht von irgendwo, dass uns DownBeat nun schon zum fünften Mal in Folge unter die weltweit wichtigsten Adressen in Sachen Jazz gereiht hat. Das renommierteste, größte und älteste einschlägige Fachmagazin, das immerhin auch schon wieder in sein 84. (!) Erscheinungsjahr geht, would like to congratulate StockwerkJazz on being named one of the world´s top jazz venues for 2017. Das erfreuliche Briefchen aus Elmhurst/IL flatterte uns gerade recht zur Winterdepression ins Haus. Als ob wir es gewusst hätten.

Otmar Klammer


editorial 2/2016

Gedanken über Jazz und die Welt

Viele gegenwärtige Literaten, zumal die meisten jungen unter den Aufsteigern, haben zum Jazz ein ambivalentes bis gefrorenes Verhältnis. Das verstehen wir nicht.
Aus unseren schlaflosen Nächten sind uns nicht wenige Schreiber bekannt, die in ihren Romanen am Rande der Handlung nur auratische Pophelden wie James Morrison oder David Bowie hochleben lassen oder dunkle Episteln alternder Song-Ikonen an die Wand malen. Jazz scheint da bestenfalls nur als Tapete für Wohnungen fremder Gestalten vorzukommen. Oder als Reminiszenz an den Vater.
Täuschen wir uns da? Oder lesen wir einfach nur zu viel aus der Dichterklasse der neuen Selbsttherapeuten?
Wie auch immer, wir haben uns nun eine Aufgabe gestellt. Eine Aufgabe, mit der wir hinkünftig diesen Programmfolder um Gedanken erweitern wollen, die sich Schriftsteller oder Dichter in unserer persönlichen Reichweite über Jazz und die Welt machen. Also auch über uns.
Fürderhin bitten wir also handverlesene ehrenwerte Vertreter der Zunft, uns mit epischen oder lyrischen Wortspenden zum Jazz im Allgemeinen oder zum Stockwerk Graz im Besonderen zu versorgen. Unter Umständen darf es auch ein Dramoletterl sein.
Das kann ganz schön lustig werden, immerhin waren unserer Mission in den letzten 22 Jahren schon so manche bekannte Wortschmiede sehr gewogen, zumindest schließen wir das aus ihren wiederholten Konzert- und Trinkbesuchen. Leider haben uns auch manche nicht mehr erlebt.
Wir beginnen diese versprochene Erfolgsreihe nun mit Fiston Mwanza, dem preisgekrönten und biologisch wortfesten ehemaligen Grazer Stadtschreiber, der vielen noch von der deutschen Uraufführung seines Theaterstückes "Gott ist ein Deutscher" in Graz (2011) in Erinnerung sein mag und der nun am Sprung zu einer ganz großen Karriere ist. Noch konnten wir uns seine Worte also gerade noch leisten.
Als Lieferant für unsere nächste Ausgabe (Herbst 2016) haben wir schon die Zusage des deutschen Sprachwaldförsters Ulrich Schlotmann (Die Freuden der Jagd), dem residierenden Grazer Stadtschreiber, in der Tasche.
Wir sind gespannt. Und der Tag ist gerettet.

Otmar Klammer